Von der Stiftsschule zum Stiftsgymnasium

Das Städtische Stiftsgymnasium Xanten sieht sich in der Tradition der alten Kapitelschule des Mittelalters, die 1290 gegründet wurde und deren Bestand eng an das Kanonikerstift des Doms geknüpft war. Mit der Auflösung des Stifts durch Napoleon im Jahre 1802 geriet diese Kapitelschule ins Wanken. Nur mühsam gelang es dem Rektor, den Schulbetrieb zu erhalten, bis die Schule 1806 auf Befehl Napoleons ihren Betrieb endgültig einstellen musste. Da das gesamte Vermögen des Stifts wie auch das der Schule von Frankreich liquidiert wurde, war eine Neugründung in nach-napoleonischer Zeit schwierig; dennoch wurde sie forciert in Angriff genommen, um Xantener Bürgern die erheblichen Kosten zu ersparen, die der Besuch ihrer Söhne an auswärtigen Schulen mit sich brachte. Erst als es 1821 gelang, die Finanzierung zu sichern, wurde die Schule nach ihrer alten Bestimmung als Rektoratsschule wiederhergestellt. Sie wurde also von einem geistlichen Rektor geleitet und stand in kirchlicher Trägerschaft. Mit ihr half man dem Bedürfnis ab, geeigneten Jungen in den unteren Klassen eine wissenschaftliche Ausbildung zukommen zu lassen. Zur Errichtung eines Progymnasiums oder gar einer vollwertigen höheren Bürgerschule reichte indes das Geld nicht. Die Schule zählte bei ihrer Neugründung 27 Schüler. Der Rektor war demnach der einzige Lehrer. Erst als die Schülerzahl auf 43 anwuchs, fand dieser durch die Anstellung eines Konrektors, der ebenfalls Geistlicher sein musste, eine Unterstützung. Im Umfeld des preußischen Kulturkampfes wurde die Rektoratsschule 1875 geschlossen, weil die Regierung in Berlin die vom Bischof in Münster erfolgte Ernennung  eines neuen Rektors nicht bestätigen wollte. Wegen ihres politischen Verhaltens, genossen die beiden vom Bischof hintereinander vorgeschlagenen Kandidaten nicht das Vertrauen der Regierung. Diese beiden der Regierung unliebsamen Personen waren bereits Mitglieder des Kollegiums. Ihnen wurde nun im April 1875 kurzerhand von Seiten der Regierung die Erteilung von Privatunterricht untersagt und somit die Schließung der Schule angeordnet. Den Stadtverordneten wurde anheim gestellt, die Unterrichtsziele der bisherigen Rektoratsschule durch die Einrichtung einer höheren Kommunalschule zu übernehmen und fortzuführen. Aus der Mitte der Stadtverordneten bildete sich nun ein Kuratorium, das bereit war, eine Anstalt ähnlicher Art ins Leben zu rufen. Mit der Bestallung eines geeigneten Gymnasiallehrers zum Schulleiter wurde die Rektoratsschule am 1. Oktober 1875 neu gegründet, nun allerdings als weltliche Anstalt. Aus diesem Grunde konnten die Räumlichkeiten der alten kirchlichen Schule im Schatten des Doms nicht mehr besucht werden. Kurzfristig wurde die Rektoratsschule in einem zur Verfügung stehenden Haus am Xantener Markt untergebracht. Sie umfasste zunächst nur die unteren Klassen und sah ihre Aufgabe darin, nach dem Lehrplan des humanistischen Gymnasiums Schülern die Möglichkeit zu eröffnen, nach der Obertertia (vergleichbar: 9. Klasse) eine Prüfung zu absolvieren, die diese berechtigte, ein Gymnasium in der näheren Umbebung zu besuchen. Der Ausbau der Schule scheiterte wie so oft an der Finanzschwäche des Trägers, der Stadt Xanten. Gleichwohl machte sich die Rektoratsschule in der Region um Xanten als eine zuverlässige „Zubringerschule“ einen guten Namen. Sie wusste über die Jahre ihren eigenen Status als eine nicht staatliche, aber doch von einer Kommune abhängige Schule bis hin zum sog. Dritten Reich zu etablieren. Erst mit den Kommunalwahlen vom 29.03.1933 erfuhr sie eine einschneidende Veränderung, als zwei Mitglieder der nationalsozialistischen Partei in das Kuratorium der Schule zogen. Verdiente Lehrer, die dem Regime als verdächtige Personen erschienen, wurden unverzüglich aufgefordert, ihre Pensionierung zu beantragen. Um die Rektoratsschule als Schule katholischen Charakters weiter zu erhalten, sahen sich die anderen Lehrer gezwungen, nationalsozialistischen Organisationen beizutreten. Dennoch konnte nicht verhindert werden, dass die Schule immer stärker unter den Einfluss des Reichsministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung geriet, der die Umwidmung der Rektoratsschule in  eine gemischte (koedukative) öffentliche Mittelschule als Zubringerschule für Mädchen und Jungen anregte. Diese Schule wurde am 20.04.1944 endgültig per Erlass eingerichtet. Die Kriegsereignisse brachten es jedoch mit sich, dass die am 01.09.1944 eröffnete Oberschule am 16.09.1944 wieder schließen musste. Das Schulgebäude wurde im Februar 1945 durch einen Bombenangriff zerstört. Die Wiedereröffnung der Schule nach dem Krieg erfolgte am 12.11.1945, nachdem die Trümmerbeseitigung in Xanten bereits weit fortgeschritten war. Die städtische höhere Knabenschule begann mit den Klassen I bis V (entsprechend 5. bis 9. Klasse) und umfasste 78 Schüler. Ihrem Charakter als Zubringerschule gemäß orientierte sie sich in ihrem Lehrplan an anderen Gymnasien der Umgebung, insbesondere an dem Adolfinum in Moers. Die Tradition der alten Rektoratsschule wurde mit der Sprachenfolge besiegelt. Ab Klasse I (5. Schuljahr) Latein; ab Klasse III (7. Schuljahr) Englisch, ab Klasse IV (8.Schuljahr) Gabelung in einen altsprachlichen  und einen neusprachlichen Zweig. Im Jahre 1946 betonte der damalige Bürgermeister in einer Sitzung des Kuratoriums, welches wieder eingerichtet worden war, dass man den Charakter der Schule als Stiftsschule beibehalten und die Leitung einem Geistlichen übertragen wolle. Demzufolge wurde mit Johannes Evers ein Geistlicher zum ersten ordentlichen Leiter der Rektoratsschule berufen. Wegen des regen Zuspruchs der Schule – die Schülerzahlen stiegen stetig – forderte das Kuratorium eine Aufstockung der Anstalt bis zur mittleren Reife. Das Kultusministerium des Landes Nordrhein-Westfalen stimmte 1948 dieser Erweiterung zum Progymnasium zu. Darüber hinaus dachte man bereits um diese Zeit in der Öffentlichkeit über eine Erweiterung zu einer Vollanstalt nach, wenngleich man einräumte, dass bis dahin noch ein weiter Weg sei. Das aus dem Zwang des sog. Dritten Reiches geborene Koedukationsprinzip hatte man nach dem Krieg aufgegeben. Ausdrücklich konnten zunächst nur „Knaben“ angemeldet werden. Diese Einschränkung wurde jedoch Mitte der fünfziger Jahre aufgegeben. In der Aufbauphase der Schule fand der Unterricht unter unvorteilhaften Raumverhältnissen im Gebäude der ehemaligen Lehrerbildungsanstalt statt. Unter diesen Umständen leitete das Kuratorium mit Unterstützung des Stadtrates forciert die Errichtung eines Neubaus in die Wege. Im Jahre 1959 wurde diese Initiative mit Erfolg gekrönt, denn auf dem ehemaligen Sportplatz zwischen der Poststraße und der Allmende wurde der Grundstein für den Neubau gelegt. Mit dem Einzug in das neue Gebäude zu Beginn des Schuljahres 1961/62 hat das Kultusministerium in Düsseldorf den Ausbau der Schule als Vollanstalt genehmigt, sodass bereits im März 1964 13 Schüler zum ersten Mal in der Geschichte der Schule das Gymnasium mit dem Abitur verlassen konnten.